Re: Höfische Gesellschaft 2.0

Sehr geehrter Herr Soboczynski,

in ihrem Artikel: Höfische Gesellschaft 2.0 für die Zeit schreiben Sie:

Die Netzavantgarde gibt sich betont egalitär und sucht die Oligarchisierung, die sich im Internet herausgebildet hat, zu verschleiern. Ihre Fürsten sind jene Betriebe, die erstmals in der Geschichte umfassend das Alltagsverhalten strukturieren. Facebook gibt die Regeln vor, nach denen eine Freundschaftsanfrage abgewehrt wird, ein Link gesetzt werden kann oder eine Kontaktaufnahme vollzogen wird. Der Konzern formalisiert damit für über 300 Millionen Nutzer das soziale Leben. Google liefert den Algorithmus für Suchergebnisse, strukturiert Relevanz. Die Enzyklopädie Wikipedia dominiert längst ein Wächterrat, der Einträge zensiert und Qualitätssicherung betreibt. Das Netz ist so umfassend reglementiert wie die Libertinage in Versailles durch rigide Etikette. Die irrige Annahme, Soziale Netzwerke stärkten demokratische Meinungsbildung, mag der hämischen Beobachtung entsprungen sein, dass dort bislang Mächtige desavouiert werden. Die Anbiederung der politischen Klasse an die Netzwelt, die emsige Twitterei von Bundestagsabgeordneten, der Facebook-Auftritt der Kanzlerin zeigt willfährige Knechte des Internets, keineswegs machtvolle Protagonisten.

In Ihrem Kommentar verkennen Sie, dass die von Ihnen kritisierten “Fürsten” erst durch bessere Angebote zu den Firmen wurden die sie sind. Sie haben ihre Garage für jeden geöffnet und erst die Bürger haben ihnen die Schlösser errichtet. Und die Bürger werden diese Höfe genauso schnell wieder verlassen, wie sie gekommen sind, wenn die Fürsten die Gesetze zu ihren Ungunsten verändern. Es wird auch in den nächsten Jahre neue Höfe und Schlösser geben. Betreten Sie doch mal die Ruinen von Second Life oder melden sie jetzt bei StudiVZ an um den Zerfall dieses 100.000.000€-Tempels selber zu erleben.

Die letzte Bundestags-Wahl war nur eine Vorwarnung, wie nah Aufstieg und Fall zusammen liegen. In Zukunft werden wir erleben, dass neue Parteien von Facebook und Google lernen und mit besseren Angeboten die Wähler um sich sammeln und mit ihnen Schlösser erbauen. … die nächste Ruine hinterlassen… Schlösser bauen … Ruinen hinterlassen …

Bei Social Media geht es nicht mehr um Fürsten.

Social Media schafft unendlich viele kleine Fürstentümer. Jeder ist hier Fürst auf seinem Gebiet. Dank Facebook und Twitter können wir erfahren in welchen Gebieten unsere Bekannten zum “Adel” gehören. Wir sind umgeben von Prinzen und Prinzessinnen aber auch von Gauklern und Hofnarren. Es geht hier nicht darum wer den größten Ball im größten Schloss veranstaltet, wie damals bei den Massenmedien. Facebook sollte man eher wie eine WG-Party betrachten und da sind nicht die größten automatisch die besten.

Über Alex Boerger

Alex Boerger ist Kommunikationsagent. Er hilft Unternehmen ihre Zielgruppen zu finden, entwickelt Maßnahmen um sie zu erreichen und findet Kreative für die Umsetzung
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